Kotz Dich raus
Hundstage. Müsste jemanden beim Wipfel packen. Sternschopf. Die Bäume tragen ihren schon wieder kopfhoch. Ich bin Bienensummer, aber gar nichts gegen einen Baum. Waren Sie schon mal im Park, neben einem jüngeren Baum in voller Blüte und frischem Saft? Der summt. Gut, nicht jeder von denen lässt sich gern dabei beobachten. Manche summen leise und heimlich, aber nicht weniger vergnügt. Andere haben ihre Rindenhaut, die nichts auslässt. Wieder andere aber sind so stolz und unbekümmert, die summen wie ihnen der Sinn und die Äste stehen. Man wollte fast kein Holz mehr in die Hand nehmen, und Tisch und Stuhl, und Schrank und Zettelkasten. Und Klavier.
Wer jemals die eine und die andere Hand an der Wiege gehabt, und weiß wer überhaupt noch, was eine Wiege so ist? Bringt das fehlende Schaukeln unsere Hirne soweit durcheinander, dass sie nachts an der Innenseite des Schädels festkleben, und dann morgens nur durch einen Filmriss gelöst werden können? Und Blut? Wir sind die andere Seite noch lange nicht genug abgefahren, um da wenigstens auf halbem Weg eine Erscheinung zu haben. Und Licht ist auch Kandela, irgendwie, also Kandelaber. So ein Geschwätz. Lauter Lichter, lauter Leuchtbuchstaben, die einem nachts aus dem Maul hüpfen. Mund zu! Andere Leute wollen schlafen! Da tanzen mir die ganzen Gedanken aus dem Kopf und kommen raus wie nichts. Als ob gar nichts wäre. Als ob da gar nichts bei wäre. Ja, wozu hat man uns die Filter mitgegeben? Was ist mit der Erziehung? Lasst gefälligst nicht jeden zuschauen, wenn ihr redet! Mann, Mann. Aber schön ist es schon. Obwohl meine Geschichten augenscheinlich nicht so hell sind wie sie sollten. Sind auch schon älter. Und anderst.
(Untergangsstimmung. Die Taucher kennen sowas. Morgens, bevor sie unter die Marmeladenhaut des frühen Meeres kriechen, da haben sie die. Und abends, wenn sie schwer mit Eindrücken beladen wie alte Schildkröten aus dem Wasser zurück an Land kommen, da haben sie diesen Druck, diesen Ausdruck um die Augen, den man nur als entrückt bezeichnen würde, weil man verrückt nicht verwenden wollte. Entrückt. Niemand fragt nach einem Wasserschaden. Als Taucher hat man den so oder so. Und immer das gleiche Lied: Wir nehmen den Kopf nicht über Wasser, bis wir ganz tief unten die tiefblaue Kugel gesehen haben. Und nichts von dem nassen Zeug drum herum kommt in die Ohren, denn wir sind endlich wer.)
Lassen Sie mich es mal so zitieren: in Gedanken begehen, einen Fuß breit vor den anderen setzen, und das auf einem Riff, also da unten sind auch Haie. Will ich nur mal gesagt haben. Riffhaie. Nein, mit Gitarren haben die wenig am Hut. Die kennen nicht einmal eine Zahnbürste, am wenigsten einen Hut. Und mit Steckosen und Verstärkern brauchen Sie denen auch nicht groß zu kommen. Fürchte ich. Aber was ein Bein ist, das wissen sie. Aus Erfahrung.
Herrliche Zeiten. Im Glorienschein, in der Gloriole der neuen Neun-Uhr-Nachrichten, da lässt man sich keine andere Schnecke aus der Nase ziehen, da kennt man seine Pappenheimer, und erst die aus Schaffhausen, die auch.
(Zwischentext: Wir immer vorneweg. Wir immer auf schwankendem Grund, wir immer viel. Wir immer mit der großen Klappe, wir immer mit dem vielen Futter, wir immer mit dem großen Durst, den langen Hörnern, den scharfen Worten. Wir immer mit dem Sonnenuntergang, wir immer mit der traurigen Bilanz, wir immer mit der bleibenden Versuchung. Wir immer mit dem Flüchten, den kleinen Fluchten, den großen Ausfällen, die der Bienenstall gerade noch so zuließ, bevor, ja bevor. Wir immer auf dem halben Weg. Wir immer mit Standbein. Mit der Grube, mit dem Grübchen, dem Grübeln, und dem Gräbeldinger. Wir immer unter Flur. Wir immer mit Blei im Hirn, mit Lot aus Nasen fallend. Wir immer mit dem Kopf. Wir immer klar. Halbgar. Zwischenboden. Man tanzt. Man fällt. Man wähnt sich alt. Man gewöhnt sich an. Wie immer. Wir immer. Immer wir.)
Kaltes klares Wasser. Grünes, trübes Gebräu. Und was wähle ich? Für das erste Mal eine Tasse, bitte. Meine hohlen Hände sind noch ganz rauh vom letztenmal. Ja, der Berg und seine Getränke, das macht einem schon zu schaffen, das muss man gewohnt sein. Da ist nichts mit spät aufstehen und noch später in die Kissen, hier schlafen alle auf Stein. Wie sollen wir sonst den Berg hören und seine Geschichten? Wenn nicht mit dem Ohr auf dem Fels, und den Augen fest zu? Denken Sie, da gibt es Anschlüsse für einen Kopfhörer, oder wie glauben Sie stehen wir im Kontakt? Halten Sie ruhig den Bügel, unter den Kleidern sind wir alle nackt.
Wahlscheiben gibt’s nicht mehr, man hat heute Tastenfeld. Ein Tastenfeld? Ein Minenfeld ist das. Wissen Sie, wen Sie da anrufen, womöglich aus Versehen oder einer Laune heraus, mit einem falschen unschuldig ungewollten Tastendruck, und man ist gleich in der Hölle eines anderen, im tiefsten Kellergewühl seiner Gedanken, und wie da rauskommen, wie kommt man wieder da raus? Am besten man drückt auf die Minen oder die Tasten, bis es knallt. Tasten, bis es knallt. So hat man sich das gedacht in der Entwicklungsabteilung. Frisch auf die Taste gedrückt. Frisch auf den Kopf. Frisch durch die Mitte. Ab durch die Mitte. Und wenig mehr als den Verstand.
(Abkehr: in 80 Sätzen um die Welt. Aber die Volksbühne ist ein einziger Kratzer! Und der Hals ist eng, geschnürt wie ein Armeestiefel, gestopft wie ein alter Weihnachtsganter – mir dräuts! Es wird übel!)
Sonntag, April 15, 2007
308
Samstag, April 14, 2007
307
Bei sich, und ganz bunt
Samstag oder die Nasenbären: wie das kuckt! In der oberen Hälfte eines Gesichts befinden sich die ausgehenden Organe, in der unteren Hälfte die eingängigen, oder war es umgekehrt? Oder waren es die Anorgane? Oder war es von der Situation abhängig? Waren es doch die Ameisenbären? Aber haben Ameisen überhaupt Nasen?
Mangelndes Verständnis kann man hier keinem vorwerfen. Eher hinterher schmeißen. Eher den Berg hoch schießen als die Kugel ins Rollen bringen. Mein Denken ist mir immer einen Schritt auf der Tastatur voraus, ich denkschreibe zu schnell für mein beschränktes motorisches System. Ein Lektor würde verzweifeln an mir. Ein Lektor! Na ja. Nun denn. Im wesentlichen liegt die Kunst der Fuge darin, keinen Zement abzubekommen, oder noch besser: keinen Beton. Alles andere kann warten. Alles andere ist Benzin. Flüchtig, und es macht Schatten. Alles weitere wünsche ich hiermit aus dem Weg zu nehmen. Schatten, Schatten, Würgemal. Und ich immer mittendrin. Heute ist kein Tag, um in der Sonne zu baden. Womöglich ohne Hose. Aber mit Schwarte.
Samstag, und Mars und Konsorten sind auf dem Weg, und unterwegs, aber nie auf der ganzen Linie. Die ist unterbrochen, die ist nicht fertiggestellt worden in einem Zug. Die Arbeiter sind verstört, die Kreide ist nass, der Wolf ist gekommen und hat sie sich geholt, was weiß denn ich. Jedenfalls ist eine Störung aufgetreten. Hat groß den Stiefel gemacht, und das mit Hausschuhen, man stelle sich vor! Keine wirklich große Sache, vielleicht 42.
Und weniger die Gleisbauarbeiten haben mich gestört, als das ewige Kreischen der Gründerväter vorne auf der Lokomotive. Ja wo bleiben wir denn, ja wo sollen wir denn hin. Eine Generation weiter als die Dschungelkämpfer des Wahnsinns sind die Nachkommen schon begierig auf neue Erfahrungen, mit den schönen neuen Werten, die der Konsum ihnen in die Ohren stellt. Hören Sie mal die neuen Farben, wie die knistern, ist das nicht schön? Die Wimpern knistern, die Augen knistern, die Haut knistert, überall ist ein großes Knistern. Sogar aus den Bäumen fällt ein Knistern, aus dem Himmel sowieso. Das ist eine Kunst, das haben die Hersteller so gewollt, das ist jetzt Trend. Ja, die großen Marken haben vorgeknistert, dann sind die anderen hinterher, und jetzt, einfach fabelhaft. Dieses Knistern! Hören Sie doch! Na, die Provinz mault wieder oder noch oder verstummt ganz, stark wie immer in der Gewohnheit. Aber das wird schon, wenn unsere Teams da auftauchen, und vorher wird auch im TV geknistert, wir machen eine Kampagne daraus, eine grundsolide Kampagne: Das Knistern Deiner Welt! Ja, das hat etwas, das schönt mir die Bilanz und gut, ich knistere auch, ist ja nichts dabei. Das macht man eben heutzutage. Und für den Rest, da haben wir ganz andere Sachen.
Nur hier und heute: Marmeladenhäute! Leute! Dicke, fette, rote Beute! Echte süße Marmeladenhäute! Es schlotzt!
Mittwoch, April 11, 2007
306
Ein Furz, und man ist drin
Dass sowas von sowas kommt. Bei viel Stress schrumpft das Gehirn. Bei zuviel Stress schrumpft das Gehirn noch mehr. Es könnte mir aus den Ohren herausfallen. Die Zeit verrinnt. Mein Blut gerinnt, gottseidank noch, wenn es heraus will und das auch schafft, wenn es aus dem Körper austritt, gerinnt mein Blut sofort und mein Gehirn schrumpft wieder ein Stück! Du machst mir keine Bange, Du nicht. Du auch nicht. Aber Du, Du, und Du. Das sind zu viele. Viel zu viele für mein schrumpfendes Gehirn. Mein notorisches Kleinhirn zieht sich weiter und weiter in sich selbst zurück, und macht die Tür zu. Mauern können nicht denken. Erinnerungen sind Klebstoff für den Kopf.
Die Kunst hat versagt. Die Kunst hat uns versagt. Die Kunst hat keine Ihrer Körperöffnungen für uns offen gehalten. Die Kunst hält uns für nicht geeignet. Hauptsache Wurm. Hauptsache Kopf. Da schrumpft es jetzt wieder.
Meine Nachbarn stehen im Gang. Das ist eigentlich unmöglich. Aber sie stehen da und zweifeln und hadern, und man hört die Gehirne schrumpfen. Abstumpfen, vielleicht könnte man alles etwas mehr abstumpfen, die ganzen höllisch scharfen Messer und Skalpelle, die ganzen Untergangsgedanken, verpflastern und gut. Oder versilbern, soll ja auch ganz weich sein. Und weich ist gut! Gut für den Kopf!
Du und mein Mondfisch im Auge des Sturms, der sich über dem lautlos Stillen Ozean entfaltet wie eine große schwarze Serviette, aus der viele kleine Blitze herausfallen, mitten in die Suppe. Wer das auslöffelt, muss stark sein.
Soll und Haben, Papier und Schere. Stein. Abschaum, der auf den Wellen wohnt. Drauf und dran, im Tal die Gipfel zu verschleudern. Die helle Flur, ein wildes Tier, schrecklicher weißer Stern, das Leuchten ging mir so durch und durch! Aber da war noch ein anderes Tier, so eine Art Hase, mit verstummtem Ohr, ganz wund. Na ja, heute Ziegenbart, morgen ein Lammbraten. Und Fleisch tropft ab, und Bratensaft die Mundwinkel, und knochentrocken bleibt vor der Tür. Draußen egal, hier drinnen muss die Sau raus. Lass sehen!
(In Sachen Bachmann: wer Ikonen mit Dreck bewirft, darf sich nicht wundern, wenn ihm das Auge juckt.)
Fluoreszierende Kunst ist keine Gemeinheit. Desillusionierende Kunst ist dagegen eine Bedrohung. Da sehen Sie, der Mann hat eine Begleiterscheinung. Die ruft ihm jetzt ein Taxi. Hallo Taxi! Keiner hört. Wer noch Wal hat, hat Öl. Wer noch Öl hat, hat glänzende Lippen. Und wer noch glänzende Lippen hat, dem tut der Bauch weh, von dem vielen Wal. Meine letzter Gedanke da gestern nacht. War billig. Hat kaum was gekostet. Nur mir selber den Blick. Und den Hör. Und den Schmeck. Und was sonst noch alles sinnlos vor sich hin baumelte. Verdraht! Verdraht. Haben Sie so ein kleines Gehirn gesehen? Etwa so groß?
Montag, April 09, 2007
305
Kurz, starr und stier
Ich stehe im schweren Schlagschatten und rieche die Sonne, die nur darauf lauert, auf und über mich herzufallen. Und weshalb auch nicht. Und wieso auch so. Was ist das Ziel, wenn nicht ein Wasserfall aus feinem Sand, der einen an einen stürzenden Bergbach im milden Frühlingslicht erinnert. Stehender Adler und stechender Fuß sind der gleichen Meinung. Nein, sie sind derselben. Weil feine Unterschiede etwas ausmachen. (Klick).
Meinem Knie geht es gut. (Es denkt an Dich. Klick).
Hundertmal habe ich es ihnen gesagt. Hundertmal haben alle daran vorbeigehört. Es ist ein Kreuz. Es ist eine Waffe. Es kommt eine andere Zeit als die hier. Die ist schon viel zu lange. Kosmeten. Kometen. Lassen Sie sich die Sterne neu lackieren und ein wenig mit Glitzer drauf.
An meinen Körper lasse ich nur mich und die anderen. Werk 1: eine einfache Frage - was ist ein Laut? Werk 2: eine von vielen Antworten. Haben Sie das Prinzip verstanden?
Der eilige Franz und die Marie. Kalium. Permanent. Mangan. Kaliumpergament-Granaten. Eine Explosion der Bilder. Eine wild wuchernde Implosion der Zeilen. Und zwischen den Zeilen, die Glut. Küchengeister!
Um halb sieben wird gegessen. Du bist komisch. Warum sagst Du immer, was ich machen soll? Kochen. Küchen. Keuchen. In der großen Keuche liegt ein toter Fisch auf dem frisch gekachelten Boden und ist am zerfließen. Er singt ein Lied. Keimzeit. In Gedanken treiben sie sich aus bis das Grüne kommt. Ein Blatt auf der sicheren Seite, in die Sonne gerollt atmen sie sich gegenseitig das Leben ein. Hauch mich, mach mich. Zart. Wir fürchten uns vor dem Wasser, das wiederkommt, das den Strand auffrisst, unsere Zeit will es haben. Wasserkur. Hungertod.
Fastenerlebnis: Ich habe einen hoch brennenden Baum gesehen, aber es war eine schwarze Flamme, es war dunkles Licht. Im Eismeer gehen die Schiffe nicht unter, sie frieren auf halbem Weg ein. Und dann – überall Masten!
Der Kern eines gebogenen Fisches muss eine Walnuss sein.
Herzlichen Glückwunsch. Sie haben das große Gnu gewonnen. Aber Vorsicht mit den Hörnern. Die sind gebogen wie nichts, und kommen mit den Spitzen bis zum Rand. Wer weiß, wohin noch.
Wer eine Taschenlampe benutzt, braucht sich nicht über neue Wege zu wundern. Das wächst einem doch zu!
Rasen mähen, und lecker Schnittchen machen. Aber der Motor war laut, und die Messer kreisten singend um die große Esche. Sägezahnzeichen. Säbelfußkatzen. Ungewaschene Füße. Aufruf zu einer Flusswanderung: kommt waten! Aber gleich. Nachher will es einer gewesen sein.
Sonntag, April 08, 2007
304
Ostern, und kein Schal im Gesicht
Heutzutage lassen die Leute das Licht gleich an, damit es nicht zurück in der Leitung fällt und nach hinten in das Lichtwerk, und die Leute müssen zahlen wegen den Schafen, nein wegen dem Schaden. Und wegen den Schafen auch.
Schwarzweiß klappert die Kuh Elsa den Berg herab. Monoton. Monochrom. Und der Vater hat den Mund offen, weil er vergessen hat, ihn zuzumachen. Endlich dann, abends um halb acht, kommen die ganzen Leute in die taghell beleuchtete Stube. Sie schreien. Sie singen. Sie tanzen. Und alles nur, weil der Vater außerdem vergessen hat, die Aussenbeleuchtung auszuschalten. Ja, der Vater wird eben immer vergesslicher. Wenn wir alles wieder aufgeräumt, saubergemacht und zusammengenagelt haben, gehen wir mit ihm in die Stadt. Dann lässen wir ihn schätzen, den Vater, und von seinem Materialwert kaufen wir uns den Traktor. Den schieben wir nach Haus und stellen ihn auf die Wies. Da kann er hupen und blinken und die Leute kommen und tanzen und singen und haben ihre Freud. Und wir endlich unsere Ruh.
Unerreicht. Unerhört. In manchen meiner erstklassigen Unentschieden ist dann doch noch ein Tor gefallen. Das Tor des Gegners, oder meines, meistens meines. Es ist umgefallen, einfach so, es hat den Mut abgegeben, der Mut hat es verlassen, wie man will, es hat sich hingelegt. Einfach so. Mit dem Netz daran und dem Querbalken oben drüber. Mit der ganzen Wut, schon wieder ein Unentschieden kassiert zu haben. Geht es noch? Nein, es ging nicht mehr. Und es wollte auch nicht mehr. Ist schließlich das gute Recht jedes Tors, einfach mal umzufallen. Und Sie? Was machen Sie? Was treibt Sie so durch den Raum, mit dieser Raketenflamme am Hintern, als hätten sie gleich ganz schnell ganz viel zu tun? Und alles stinkt nach Terpentin? Ja. Alles stinkt nach Terpentin. Sie wollen uns von der Farbe trennen. Wir hätten schon zuviel gehabt. Hornochsen! Schwarzmaler!
Kam ein kleines Kind zum Dom und wollte hinein. Aber die Tore waren so schwer und das Eisen so hart. Kam da das nächste Kind, zum anderen Kind. Kamen immer mehr Kinder. Sahen alle hoch zum Dom. Sahen alle zu den Toren. Aber die Toren waren weiter so schwer und so hart, oder sie saßen in den hell erleuchteten Küchen und fraßen sich dicke Ringe um das Herz, einen nach dem anderen. Die Kinder legten sich auf Grund, eines nach dem anderen. Dann starben sie, eines nach dem anderen. Und niemand hat niemals etwas gehört oder gesehen. Der Dom ist immer noch ein hartes Haus. In seinen Küchen brennt das Licht. Glüht der Herd. Lassen die gierigen Hände nicht ab von den fetten Braten.
Freitag, April 06, 2007
303
Arbeit für ein Ei
Nehmen wir einen Stein. Umwickeln wir den Stein mit Draht. Hängen wir den mit Draht umwickelten Stein an einen anderen Draht, an einen Nagel, an einen Balken. Stellen wir den Balken so auf den Boden, dass es nichts mehr daran zu rütteln gibt.
Hunderttausend willfährige Messdiener. Und ein einziges rotleuchtendes Plakat. Und ein einziges Paket, voller Menschenknochen: Das Fleisch haben wir gegessen, flüstert der Chor der Diener des Herrn. Das Fleisch haben wir gewürzt und gebraten und gekocht und gegessen. Nichts ist davon übrig. Nur seine Gedanken sind jetzt ganz in uns aufgegangen. Wir sind erleuchtet von seinem Wort. Wir sind beseelt. Wir werden uns auf die Suche nach dem nächsten Erlöser machen, und auch ihn entleiben, sein Fleisch nehmen, würzen und braten und kochen und essen. Wir sind die Erleuchteten. Wir haben gute Zähne.
Das Paradies ist eine erste Antwort auf die Frage, was kommt eigentlich danach. Die zweite heißt Hölle. Die dritte nennt sich Tiefer Schlaf. Und dann wären da noch das blaue Schaf, eine größere Anzahl roter, blauer und unsichtbarer Riesen oder Zwerge, zwei Baumhäuser in Arizona, und so etwas wie ein Urmeer aus glibberigem Schleim, in das wir alle als Pantoffeltierchen reinkarnieren. Auch nicht schlecht. Kommt allerdings auf die Farbe des Schleims an. Also ich möchte nicht tagtäglich in einer lila Schleimbrühe unterwegs sein. Naja, vielleicht gibt´s da ja Sonnenbrillen. Wenn nicht, machen wir eben welche. Wird sich schon was finden. Im Ursuppen-Fundus.
Zwischenboden: Wir waren alle auf der einen dem Tal zugewandten Seite des Flusses, als auf der anderen Seite ein Prophet auf einem brennenden Maultier erschien. Er schrie und rief, und wir wussten, es könnte, es würde wichtig sein. Aber der Fluss war zu laut, und wir waren zu müde, und das Gras auf unserer Seite war zu saftig und zu weich. Wir legten uns nieder und schliefen auf der Stelle ein. Als wir wieder erwachten, war der Prophet verschwunden. Nur an der Stelle, wo sein brennendes Maultier gestanden hatte, lag eine Menge Asche. Ein großer Haufen schwarz verkohlter Asche. Wie ein kleines Häufchen Elend, nur eben anders. Die Glorie eines langsam abbrennenden und dann zerfallenden Maultiers. Jeder von uns bekam ein Stück Kohle und etwas von der Asche, um damit seinen innigsten Herzenswunsch an eine geheime Tür in seinem Haus zu schreiben. Leider waren wir alle wohnungs- und häuserlos, seit der großen Flut vor drei Tagen. Also malten wir uns die Zähne schwarz und machten, dass wir wieder wegkamen von dieser Seite des Flusses. Den unseligen Propheten hat keiner mehr gesehen. Niemals.
Mittwoch, April 04, 2007
302
Drei Haufen Weise
Ab und zu fühle ich mich unwohl in meiner Haut. Mein Erste-Welt-Hautladen hat allerdings inzwischen leider zugemacht. Mangelhafte psychohygienische Verhältnisse. Das Personal soll sich dreckige Witze erzählt haben. Kann ja nicht gutgehen, sowas. Der Geschäftsführer ein Kieler, die erste und zweite Verkäuferin aus Frankfurt. Fehlte nur noch der Schneider aus Ulm. Aber die Zuschneide- und Nähabteilung waren outgesourced. Wer hat eigentlich Maß genommen? Naja. Jedenfalls ist das lange her. Jetzt muss eben die Haut halten, die man gerade trägt. Und der Markt ist auch nicht mehr das, was er mal war. Unlautere Machenschaften. Alles flüstert nur noch. Und das auf einem Markt. Ich bitte Ihnen! Ich danke Sie.
Wieso hatte keiner einen anderen Weg genommen als den, den der Einbeinige vorher eingetragen hatte? Weil es bequemer war? Seit Stunden humpeln wir durch die Gegend. Seit Tagen finden wir immer wieder nur einen vereinzelten Schuh. Hier war offenbar ein Einbeinigen-Treffen. Lassen Sie es mich mal so erklären: Nein. Ich denke nicht an eine Operation. Auch nicht aus Solidarität. Ich mache mir nichts aus vielen Vögeln, und am allerwenigsten aus Flamingos. Wie schmeckt eigentlich ein schwarzer Flamingo? Oder ein blauer? Habe ich mal gesehen. Im Hafenviertel von Rio de Jamiro. Hundetreter. Alle Südstaatler sind Hundetreter. Wir Nordler dagegen sind Hundhaufentreter.
Unangemeldete Gedanken klingeln nicht. Die fallen mit der Tür ins Haus. Und dann sind sie da. Und begleichen alte Rechnungen. Natürlich hat dann wieder niemand etwas Kleingeld übrig. Scheine haben wir sowieso schon lange nicht mehr gesehen. Heute hier, morgen dort. Rostige Eisenstangen ersetzen das Erfolgserlebnis. Rostige Eisenstangen machen ein schönes Muster. Als Schattenriss durch das Gehirn. Einschädeln und dann das rote Restmetall abkratzen. Schon hat man wieder Material. Wir machen uns keine großen Hoffnungen mehr hier. Und kommen langsam zu Potte. Wer wissen will, wie das geht, erscheint morgen früh in der Halle am Fischmarkt. Plastikkleidung und Nasenklammern nicht vergessen. Freundchen. Wir sind eins, wir beide, der Fisch und ich. Er ist früher stolz durch die Meerenge von Gibraltar gezogen, und ich habe mir fast ebenso stolz den Dreck aus der Nase geholt. Das musst Du erstmal nachmachen, Söhnchen! Also fangen wir an. Auf nach Gibraltar!
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